Karlsruher Stadtchronik

 

Ereignisse der Dekade

 
30. Januar 1933
Fackelzug vor der Hauptpost anlässlich der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. StadtAK 8/Alben 5, S. 9Die NSDAP feiert Hitlers Ernennung zum Reichskanzler mit einem Fackelzug durch die Stadt.
 
31. Januar 1933
Am Karlstor wird versuchsweise eine Uhrzeiger-Verkehrsampel aufgestellt.
3. Februar 1933
Verbot aller KPD-Veranstaltungen unter freiem Himmel durch den Polizeipräsidenten.
5. Februar 1933
Im Anschluss an eine Demonstration von SPD und "Eiserne Front" gegen die rechtsgerichteten Kräfte der "Harzburger Front" und der NSDAP kommt es zu Schlägereien auf dem Marktplatz, der Kaiser- und Kreuzstraße.
17. Februar 1933
Die Karlsruhe SPD weist in einem offenen Brief das Einheitsfrontangebot der KPD, die die Sozialdemokraten als "Sozialfaschisten" angefeindet hatte, zurück.
27. Februar 1933
Dreitägiges Verbot des "Volksfreund" durch den Innenminister.
4. März 1933
30 - 40.000 Menschen auf dem Schlossplatz sind Kulisse des Schlussappells einer Großdemonstration dieses Tages, die die hinter der Hitler-Regierung stehenden Parteien und Verbände organisieren.
5. März 1933
Bei den Reichstagswahlen verfehlt die NSDAP trotz starker Behinderung des Wahlkampfs der gegnerischen Parteien ihr erklärtes Ziel der absoluten Mehrheit in Baden wie in der Landeshauptstadt.
6. März 1933
Um 9 Uhr hissen SA-Leute gegen den Willen von Oberbürgermeister Finter auf dem Rathausturm die Hakenkreuzfahne. Auch andere öffentliche Gebäude werden so beflaggt. Die Fahne demonstriert die Ohnmacht der noch amtierenden demokratisch gewählten Landesregierung und der Stadtverwaltung. Die Parteifahne bleibt bis zum 11. März auf dem Rathausturm. Vor dem Verlagsgebäude des "Volksfreund" in der Waldstraße und dem SPD-Volkshaus in der Schützenstraße versammeln sich SA und eine große Menschenmenge, die die Einholung der Dreipfeilfahne der "Eisernen Front" fordert. Dies wird auf Anordnung des Innenministers von der Polizei getan. Das Volkshaus bleibt aus Sicherheitsgründen über Nacht besetzt.
10. März 1933
Beurlaubung und Inschutzhaftnahme hoher Polizeioffiziere. Neuer Polizeipräsident Karlsruhes wird der SA-Ortsgruppenführer Hans Elard Ludin.
10. März 1933
Sally Grünebaum, Redakteur des "Volksfreund" und Ludwig Marum, Reichstagsabgeordneter der SPD, werden in Schutzhaft genommen, das Gebäude des "Volksfreund" in der Waldstraße wird besetzt.
11. März 1933
Die seit 1927 amtierende Leiterin der Kunsthalle, Lilly Fischel, wird wegen ihrer jüdischen Abstammung zunächst beurlaubt und dann entlassen. Ihr Nachfolger wird Hans Adolf Bühler, seit 1932 Direktor der Landeskunstschule (Akademie). Der überzeugte Nationalsozialist Bühler behält beide Ämter bis zu seiner Entlassung im September 1934.
11. März 1933
Die NSDAP übernimmt mit einer Regierungsneubildung durch Reichskommissar Robert Wagner die Macht in Baden.
13. März 1933
Es kommt, angeblich "hauptsächlich" durch Zivilpersonen provoziert, zu Geschäftsschließungen in der Innenstadt wegen antijüdischer Ausschreitungen. Bei zahlreichen Haussuchungen bei KPD-Mitgliedern werden Vervielfältigungsapparate und antinational-sozialistische Flugschriften beschlagnahmt. Am folgenden Tag finden erneut bei KPD- und SPD-Mitgliedern Kontrollen statt, die sich in den folgenden Wochen wiederholen. Am 25. März wird ein führendes Mitglied der badischen KPD, der Abgeordnete Robert Klausmann, im Hauptbahnhof verhaftet.
14. März 1933
Große Kundgebung auf dem Schlossplatz "zur Feier der nationalen Erhebung".
17. März 1933
Etwa 100 Personen werden in Karlsruhe verhaftet und in der Riefstahlstraße in U-Haft eingeliefert. Am Tage davor hat der geisteskranke SPD-Landtagsabgeordnete Daniel Nußbaum in Freiburg bei seiner Verhaftung zwei Polizisten erschossen.
20. März 1933
Dem Oberbürgermeister und den drei Bürgermeistern Karlsruhes werden nationalsozialistische Kommissare als Aufsicht zugeordnet.
21. März 1933
Die Reichstagseröffnung in der Potsdamer Garnisonskirche wird auf dem Marktplatz mit Lautsprechern übertragen. Am Abend nehmen nach Angaben der Tagespresse 100.000 Menschen an einer Kundgebung mit Kultusminister Otto Wacker teil.
24. März 1933
Der Stadtrat beschließt auf Antrag der Nationalsozialisten u. a. einen Ausschluss jüdischer Unternehmer von städtischen Aufträgen. Am 30. März werden weitere antijüdische Maßnahmen beschlossen.
27. März 1933
Drei Personen werden festgenommen, weil sie Handzettel mit kommunistischem Inhalt unauffällig an Passanten verteilen. Nach ähnlichen Vorkommnissen in den nächsten Wochen werden weitere Karlsruher meist aus dem kommunistischen Widerstand verhaftet.
28. März 1933
Peter Paul Freiherr von Eltz-Rübenach verabschiedet sich als Präsident der Reichsbahndirektion Karlsruhe. Er tritt als Reichspost und -verkehrsminister in das erste Kabinett Hitler ein.
30. März 1933
Die "Badische Presse" berichtet von zahlreichen Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte in den vorangegangenen Tagen. Städtische Beamte dürfen nach einem Beschluss des Stadtrates nicht mehr Mitglied der SPD sein.
1. April 1933
Die Nationalsozialisten organisieren auch in Karlsruhe einen Boykott jüdischer Geschäfte. Die Geschäfte sind mit einem gelben Fleck auf schwarzem Grund gekennzeichnet. Boykottbrecher sollen von Parteigenossen photographiert werden. Photoaufnahmen der Aktion sind jedoch nicht gestattet.
1. April 1933
Die Beurlaubungen, Umsetzungen und Verhaftungen von Mitarbeitern staatlicher und städtischer Behörden gehen weiter. Mit Ministerialrat Frech und Prof. Graf trifft es z. B. zwei Mitglieder des Zentrums. Anfang April wird der Landtagsabgeordnete des Zentrums Hilbert wegen Führerbeschimpfung verhaftet.
5. April 1933
Sämtliche Juden im öffentlichen Dienst werden beurlaubt. Nach Erlass des "Reichsgesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April werden sie mit Ausnahme der Kriegsteilnehmer 1914 - 1918 entlassen. Betroffen sind auch Kommunisten und Sozialdemokraten.
8. - 30. April 1933
Ausstellung "Regierungskunst 1918 - 1933", im Auftrag des badischen Kultusministers Otto Wacker zusammengestellt vom Akademie- und Kunsthallendirektor Prof. Hans Adolf Bühler. Die Ausstellung ist gedacht als Abrechnung mit der Kulturpolitik der Weimarer Republik. Sie ist eine der ersten Ausstellungen "entarteter" Kunst in Deutschland.
20. April 1933
Hitlers Geburtstag wird mit großem Aufwand gefeiert. Auf dem Schlossplatz wird eine Hitler-Linde gepflanzt.
22. April 1933
Zwei Tage nach der Berliner Uraufführung wird das nationalsozialistische Drama "Schlageter" von Hans Johst in Karlsruhe gezeigt. Albert Leo Schlageter war wegen Sabotage gegen die französische Besatzung im Ruhrgebiet 1923 hingerichtet worden. Die Nationalsozialisten vereinnahmten ihn als "Märtyrer der Bewegung" und stilisierten ihn zum Vorbild der Jugend.
1. Mai 1933
Der 1. Mai wird erstmals im Sinne der Nationalsozialisten nicht als klassenkämpferische Kundgebung, sondern als "Fest der nationalen Entschlossenheit und Feiertag der deutschen Arbeit" begangen.
2. Mai 1933
Auch in Karlsruhe werden die Häuser der nun verbotenen Gewerkschaften besetzt und ihr Vermögen beschlagnahmt.
4. Mai 1933
Generalmusikdirektor Joseph Krips wird mit Wirkung zum 31. August entlassen. Zu seinem Nachfolger wird am 22. November 1935 Josef Keilberth ernannt. Bereits im März waren der Generalintendant Dr. Hans Waag und zahlreiche Künstler entlassen worden.
6. Mai 1933
Der Verlag des "Führer" gibt die Übernahme der sozialdemokratischen Druckerei und des Verlagsgebäudes des "Volksfreund" in der Waldstraße bekannt.
6./7. Mai 1933
Treffen der Hitler-Jugend im Hochschulstadion (30.000 Teilnehmer) mit einer Ansprache des Reichsjugendführers Baldur von Schirach. Zahlreiche andere Massenveranstaltungen folgen.
8. Mai 1933
Der Oberbürgermeister Dr. Julius Finter und die drei Bürgermeister Karlsruhes werden endgültig abgelöst und pensioniert.
9. Mai 1933
Von dem gemäß dem Reichstagswahlergebnis vom 5. März umgebildeten Gemeinderat werden Adolf Hitler, Robert Wagner und Walter Köhler zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt. Zahlreiche Straßen und Plätze erhalten neue Namen: Marktplatz: Adolf-Hitler-Platz, Durlacher Allee: Robert-Wagner-Allee, Gottesauer Platz: Hermann-Göring-Platz, Waldring: Horst-Wessel-Ring.
11. Mai 1933
Erste große Luftschutzübung mit Verdunkelungsmaßnahmen in Karlsruhe.
16. Mai 1933
Abtransport von sieben Karlsruher Sozialdemokraten ins KZ Kislau. StadtAK 8/Alben 5, S. 31bUm die Mittagszeit werden sieben Karlsruher Sozialdemokraten - Adam Remmele, Ludwig Marum, Hermann Stenz, Sally Grünebaum, Erwin Sammet, Gustav Heller, August Furrer - nach einer Schaufahrt auf offenem Wagen durch die Stadt in das Konzentrationslager Kislau überführt. Tausende von Karlsruhern beteiligen sich an dem Spektakel. Wenige aus der Menge, die mit dem Ruf "Rotfront" protestieren, werden sofort verhaftet.
 
18. Mai 1933
Wahl des neuen Oberbürgermeisters im Bürgerausschuss. Die SPD nimmt aus Protest gegen ihren Ausschluss von der Mitarbeit in den Kommissionen an der Sitzung nicht teil. Neuer Oberbürgermeister ist der Nationalsozialist Adolf Friedrich Jäger, der seit 8. Mai als kommissarischer Oberbürgermeister amtiert.
20. Mai 1933
Einweihung des neuen Diakonissen-Krankenhaus in Rüppurr.
3. Juni 1933
Der frühere badische Staatspräsident und Reichsfinanzminister (1928/29) der letzten demokratischen Regierung, Heinrich Köhler vom Zentrum, wird in Schutzhaft genommen.
9. Juni 1933
Wie im öffentlichen Dienst wird auch in der Industrie "gesäubert". Die Firma Haid & Neu erhält vom Wirtschaftsministerium nach umfangreichen Änderungen im Aufsichtsrat und Vorstand das Recht, sich als "deutsche Firma" zu bezeichnen.
17. Juni 1933
Bücherverbrennung durch die Hitler-Jugend am 17. Juni 1933. <br />StadtAK 8/Ze Der Führer vom 18.6.1933Auf dem Schlossplatz verbrennt die Hitler-Jugend im Rahmen einer Sonnwendfeier "Schmutz- und Schundliteratur", darunter Bücher von Erich Maria Remarque und Erich Kästner. Die Bücher stammen aus den zuvor systematisch "gesäuberten" Leihbüchereien, Buchhandlungen und anderen Institutionen.
 
23. Juni 1933
Mit dem Verbot der SPD scheiden deren Abgeordnete aus dem Bürgerausschuss aus.
24. Juni 1933
In Karlsruhe bleiben die Vertreter der aufgelösten Zentrumspartei als Hospitanten der NSDAP bis zur Aufhebung des Bürgerausschusses im Amt.
23. Juli 1933
Feierliche Einführung des ersten evangelischen Landesbischofs D. Julius Kühlewein in der Stadtkirche.
30. September 1933
Die letzten sechs Postpferde, die im Paketzustelldienst eingesetzt sind, werden durch Kraftfahrzeuge ersetzt.
1. Oktober 1933
Eröffnung des nationalsozialistischen Winterhilfswerks, das in Karlsruhe die Nachfolge der aufgelösten Karlsruher Notgemeinschaft antritt. Es soll allen Hilfsbedürftigen den nötigen Lebensunterhalt sichern. Nationalsozialisten und "erbgesunde, kinderreiche Familien" werden jedoch bevorzugt.
11. November 1933
Bei der "Reichstagswahl und Volksabstimmung für Frieden, Freiheit und Ehre" stimmen rund 90 % der Karlsruher mit Ja und für Adolf Hitler. Im Wahlkampf spricht am 2. November Joseph Goebbels in Karlsruhe, und am 10. November wird eine Hitler-Rede öffentlich vor Festhalle und Rathaus über Rundfunk übertragen.
Dezember 1933
Gastspiel der Mailänder Scala mit dem "Barbier von Sevilla".
18. Dezember 1933
Wegen anhaltenden Treibeises auf dem Rhein wird die Schifffahrt eingestellt und die Maxauer Schiffsbrücke geschlossen.
8. Februar 1933
Ein Erdbeben mit Epizentrum bei Rastatt erschüttert den Rheingraben.
 
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