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Datenbank der Kulturdenkmale

Militärkirche der Gerszewski-Kaserne

Egon-Eiermann-Allee 6 , Knielingen

Ausweisungstext der amtlichen Denkmalliste

Bei dem genannten Objekt handelt es sich um ein Kulturdenkmal gemäß § 2 Denkmalschutzgesetz von Baden-Württemberg. An seiner Erhaltung besteht aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse. Grundlage der Entscheidung ist eine Besichtigung des Objektes am 15.07.2008.

Entwurfsgeschichte und Realisierung:
Die US-Army beauftragte 1950/51 den Mannheimer Architekten Emil Serini (1899-1997) mit dem Entwurf einer „Standard Church” für die religiösen Bedürfnisse der amerikanischen Truppen und ihrer Angehörigen. Der Entwurf wurde unabhängig von einem bestimmten Bauprojekt angekauft. An der Ausführung war das Büro Serini grundsätzlich nicht beteiligt. Die Entwurfszeichnungen Serinis von 1951 sind in Kopien überliefert; die ursprünglichen Pläne und Unterlagen im Besitz des Architekten wurden bei einem Archivbrand 1962 zerstört. Die erste Kirche im Headquarter Heidelberg, Mark Twain Village, wurde parallel zur Entwurfsbildung 1951 vollendet. Sie unterscheidet sich in Größe, Kubatur und einigen Konstruktionsdetails von dem Standard-Entwurf, der für 350 Plätze konzipiert war. Die Kirchen in Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg folgen dem Standard-Entwurf und weichen nur in wenigen gestalterischen Details davon ab. Auch in Rheinland-Pfalz wurden Kirchen diesen Typs ausgeführt.

Auswahl für die Unterschutzstellung:
Unter den in Nordbaden realisierten Kirchen wurde eine exemplarische Auswahl getroffen, die eine in hohem Maße authentische Überlieferung voraussetzt und alle Varianten des Typenentwurfs berücksichtigt: Die Kirche im Mark-Twain-Village (Römerstr. 117, Flstnr. 2518/4, Heidelberg-Rohrbach) aufgrund ihrer Sonderrolle als früheste, größte und ranghöchste Kirche im Headquarter der US-Army; die Kirche der ehem. heinlandkaserne (Sudetenstr. 93-95, Karlsruhe-Knielingen) als verkleinerte Variante ohne vollständige Unterkellerung; die Kirche in den Coleman Barracks (Viernheimer Weg, Flstnr. 34366/1, Mannheim-Sandhofen) als exakte Umsetzung des Typenentwurfs.

Beschreibung von Entwurf und Ausführung:
Bedingungen für den Entwurf der Standard Church waren: Eine typentaugliche Bauweise aus Fertigbauteilen, preisgünstige Baustoffe und ein Grundriss, der den verschiedenen Konfessionen, vorrangig Prostanten und Katholiken, ohne inhaltliche Widersprüche dienlich sein konnte. Serini entwickelte einen Saalbau mit querhausartigen Anbauten unter einem flach geneigten Satteldach und mit einem eingezogenen, halbrund geschlossenen Chor. Die Wand der Chorapsis birgt im unteren Bereich einen Chorumgang, der nach außen nicht sichtbar ist. [Im Fall der Hauptkirche im Headquarter sind das Querhaus und der Umgang ausgeschieden.]
Die Zwickelräume rechts und links der Chorapsis enthalten die Sakristeien. Die flankierenden Anbauten, die nach außen als Querhaus auftreten, dienen als Kapellen und verfügen über separate Eingänge. Man betritt die Kirche über ein hoch gelegenes, breites Portal an der Stirnseite. Von einem breiten Vorraum führen Treppen auf die darüber gelegene Empore, die durch eine Brettbalustrade zum Hauptraum abgegrenzt ist. Das Hauptschiff der Kirche wird jochweise von Querbindern aus Holz strukturiert, zwischen denen schmale Rundbogenfenster platziert sind. Der Chorbereich ist um einige Stufen angehoben. In einer rechteckigen Nische unterhalb der Empore befindet sich ein Beichtstuhl. Der ganze Bau ist unterkellert: im Untergeschoss sind Büros, Räume für die Sonntagschule, für den Kindergarten, Küche und Toiletten untergebracht.

Die Ausstattung des Kirchenraums ist für die Nutzung mehrerer Konfessionen ausgelegt. Die liturgisch definierten Elemente beschränken sich auf den Konfessionen gemeinsame
oder tolerierbare Lösungen d.h. Verzicht auf Kanzel, Kommunionsbank, Tabernakel etc. Die Prinzipalstücke sind durch mobile bzw. ephemere Konstruktionen gekennzeichnet: Drehkreuze, die auf der einen Seite das bloße Kreuz, auf der anderen Seite ein Relief der hl. Maria oder des hl. Josef zeigen; Schabracken, die geeignet sind, Darstellungen des Gekreuzigten rasch durch einen Vorhang den Blicken zu entziehen etc. Die Fenster sind stets farbig gestaltet, wobei unterschiedliche Gestaltungsniveaus zu unterscheiden sind: von schlichten hochrechteckigen Scheiben in gemischter Anordnung ohne zusätzliche Motive über christliche Symbole bis hin zur aufwendigen Umsetzung amerikanischer Militärsymbole und Garnisonwappen.

Wissenschaftliche und heimatgeschichtliche Bedeutung:
Die Standard Church von Emil Serini zählt zu den frühesten modernen Kirchenbauten nach dem II. Weltkrieg in Baden-Württemberg. Sie zeigt deutliche Einflüsse des ab 1948 von Otto Bartning entwickelten Notkirchenprogramms für das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland - eine frühe Realisierung dieser Typenkirche entstand 1948/49 in MannheimGartenstadt (noch ohne Turm) und war Serini aus eigener Anschauung bekannt. Gemeinsam ist ihnen die rasch und günstig zu bewerkstelligende Bauweise aus Fertigbauteilen, die raumprägende Binderkonstruktion und das Konzept einer multifunktionalen Nutzung. Im Unterschied zu Bartning, der eine Verkleidung der Umfassungswände vorsah, strich Serini die Skelettbauweise auch im Äußeren durch sichtbare Binderstreben hervor. Die offensive Modernität unterscheidet die Standard Church von dem Gros der Kirchengebäude der frühen Nachkriegszeit, die durch traditionsorientierte Gestaltungselemente eine Brücke zum Kirchenbau der Vorkriegszeit zu schlagen suchten. Formal zeichnen den Bau Feingliedrigkeit, Leichtigkeit und Dynamik aus, bewirkt durch die nach unten stark verjüngten Binderstreben, die lanzettartig schmalen Rundbogenfenster, das sehr flach geneigte, weit überstehende Satteldach und den expressionistisch anmutenden Dachreiter. Die Niederlassung von Garnisonen der US-Armee hat die Städte Heidelberg, Karlsruhe und Mannheim seit dem Ende des II. Weltkriegs in ihrer politischen und kulturgeschichtlichen Entwicklung beeinflusst. Die Streitkräfte schufen eigene „Barracks” oder übernahmen historische Kasernen der Wehrmacht. Die neuen „Chapels”, errichtet als geistige und religiöse Zentren, die den stets nur wenige Jahre stationierten Soldaten einen festen Bezugspunkt boten, gehören zu den wenigen Neubauten der US-Army. Obwohl von einem deutschen Architekten entworfen, werden ihre profan anmutende Gestalt und ihre ungewohnte Modernität mit dem amerikanischen Kulturkreis assoziiert. Dieser Eindruck wird durch die ikonographisch auszulegende Verwendung amerikanischer Militärwappen in den Farbglasfenstern der Kirchen verstärkt. Aufgrund ihrer Entstehung in der Frühzeit der Besatzung und ihrer zentralen Stellung als Gemeinschaftsbauten sind sie in besonderem Maße dazu geeignet, an die Folgen des Kalten Krieges und damit an eines der wichtigsten Kapitel der deutsch-amerikanischen Beziehungen zu erinnern.


Denkmal nach § 2 (Kulturdenkmal) Denkmalschutzgesetz

Baujahr 1951
 


Bild: ef, 2013

 


Bild: ef, 2013