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Datenbank der Kulturdenkmale

Ev. Friedenskirche

Tauberstr. 10, Weiherfeld-Dammerstock

Ausweisungstext der amtlichen Denkmalliste

Evangelische Friedenskirche, ehemalige Notkirche, 1948-49 von Otto Bartning


Ergänzende Informationen des Stadtarchivs

Nach dem 2. Weltkrieg gab es in Deutsch­land wegen der Zerstö­run­gen und des Zuzuges von Flücht­lin­gen einen zusätz­li­chen Bedarf an Kirchen. Statt die eher zu kleinen Baracken der Schwei­ze­ri­schen Militär­ver­wal­tung zu verwenden, beauf­tragte der Leiter des Hilfswerks der Evange­li­schen Kirche den aus Karlsruhe stammenden Archi­tek­ten Otto Bartning, einen Entwurf zu entwickeln, der durch Möglich­kei­ten zur Selbst­hilfe und Verwendung von Trümmer­ma­te­rial zugleich eine langfris­tig kosten­güns­ti­ge­re Alter­na­tive darstellte. Die Mittel für den Bau der Kirchen in den vier Besat­zungs­zo­nen wurden vor allem vom Luthe­ri­schen Weltbund gespendet.

Die Friedens­kir­che in Karlsruhe-Weiherfeld gehört zu diesen sogenann­ten "Notkirchen", die nach Bartnings Entwürfen errichtet wurden. Es existieren noch 41 Kirchen dieser Art in ganz Deutsch­land, für die Bartning ein kosten­güns­ti­ges Bausystem entwickelt hat. Viele dieser Kirchen sind inzwischen stark verändert. Die Friedens­kir­che gehört zu den Beispielen, die im Kirchen­raum wesentlich den Charakter dieser Notkirchen bewahrt haben und das inhalt­li­che Programm sowie die Gestal­tungs­ab­sicht eindrucks­voll verdeut­li­chen.

Bartning entwi­ckelte als Tragwerk eine zeltför­mi­ge Holzbinder-konstruk­tion, die jeweils vorge­fer­tigt angelie­fert wurde. Ebenso wurden Pfetten, Dachtafeln, Emporen, Türen, Fenster und Bänke in Serien herge­stellt, angelie­fert und in ein bis zwei Wochen aufge­stellt. Die konstruk­tiv nicht beanspruch­ten Außenwände sind zweischa­lig aus Trümmer­stei­nen errichtet. In Karlsruhe verwendete man dazu Trümmer­steine des Rathauses, innen als Sicht­mau­er­werk aus Ziegeln, außen rotgelbe Sandsteine. "In dieser Verbindung des Typisier­ten mit dem Indivi­du­el­len, des Indus­tri­ell-Trans­por­ta­blen mit dem Ortsge­bun­de­nen liegt das Wesen dieser Notkirchen. Sie sind ein Dokument der aus der Not erwach­se­nen Schlicht­heit und Kraft." Mit ca. 80 000 DM lagen damals die Baukosten etwa halb so hoch wie bei einer gleich­großen Kirche in tradi­tio­nel­ler Bauweise. Turmbau, Umbau des Haupteingangs, 1962 (Skizze: Prof. Erich Rossmann),

Zur Einweihung der ersten Notkirche sprach Bartning: "So wie Ihr Sachwalter des Wortes und des Geistes seid und dafür mit Leib und Seele steht, so sind wir die Sachwalter der Gestalt und des in der sichtbaren Kirche sich darstel­len­den Geistes. Und auch wir stehen dafür mit Leib und Seele - nicht trotz der Wüste, sondern kraft der Wüste, in der dies Zelt ein Halt und Trost der Seele sei."

Die Friedens­kir­che in Weiherfeld wurde im November 1949 ohne Turm eingeweiht. Im Jahr 1958 erhöhte der Karls­ru­her Architekt Erich Rossmann das Keller­ge­schoss und baute es zu Gemein­deräu­men aus. Gleich­zei­tig baute er das nordwest­lich angren­zende, tiefer­lie­gende Gemein­de­haus mit Kinder­gar­ten auf dem Niveau des Unter­ge­schos­ses der Kirche. Im Jahr 1962 ergänzte er den Turm. Bei Unter­ge­schoss und Turmbau waren jeweils Unter­fan­gun­gen der Fundamente nötig. Der Turm wurde mit einer inneren Beton­schale hochge­zo­gen. Der vorher seitliche Hauptein­gang durch den Turmstumpf wurde in die Mitte­lachse des Kirchen­schif­fes verlegt, so dass eine Sakristei und ein WC im Erdge­schoss des Turmes Platz fanden.

Anlässlich des 50-jährigen Kirchen­ju­bi­lä­ums wurde 1999 der Innenraum der Kirche vom Karlsruher Archi­tek­ten Manfred Pilz unter Mitarbeit von Sabine Straßburg instand­ge­setzt. Die Bänke wurden so gekürzt, dass entlang der Längs­wän­de zusätzlich seitliche Gänge entstanden sind. Die oberste Altarstufe und die Bankpo­deste wurden entfernt, Fenster, Beleuch­tung und Elektro­tech­nik wurden erneuert. Der Kirchplatz südwest­lich der Kirche ist seit 2000 als Quartiers­platz mit Möblierung neu gestaltet. Durch die Änderung der Oberflä­chen wurden die Wuchs­be­din­gun­gen für die vorhan­de­nen Linden verbessert. Diese schirmen den Kirch­platz mit ihren neu geordneten Pflanz­bee­ten von den angren­zen­den Straßen ab.

Text: Sabine Straßburg, Archi­tek­tin

Denkmal nach § 2 (Kulturdenkmal) Denkmalschutzgesetz

Baujahr 1948
 


Bild: PBe, 2015

 

Friedenskirche
Bild: Lukas Wetzel, 2012

 

Ostansicht
Bild: PBe, 2015