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Datenbank der Kulturdenkmale

Karlsburgstr. 5, Durlach

Ausweisungstext der amtlichen Denkmalliste

Wohnhaus, fünfachsig und traufständig, Rundbogenfenster und Rundbogentor, Hinterhaus, sehr gut erhaltene Innenausstattung, um 1840. Das Gebäude steht auf dem Fundament der Zwingermauer (Setzungsriss in der Straßenfassade sichtbar).


Ergänzende Informationen des Stadtarchivs

Bürgerliches Wohnhaus des Spätklassizismus, erbaut um 1840

Das zweigeschossige Wohngebäude Karlsburgstr. 5 (bis zur Eingemeindung Durlachs 1938 Leopoldstr. 5) ist Teil der geschlossenen Häuserzeile auf der Ostseite des Durlacher Schlossplatzes, die im Laufe der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut worden ist. Erst damals riss man in diesem Bereich die Ruinen der alten „Karlsburg“ ab, jenem Residenzschloss der Markgrafen von Baden-Durlach aus dem 16. Jahrhundert, das 1689 zerstört und danach nur teilweise als Barockbau wiederaufgebaut worden war. Das Haus Nr. 5, das um 1840 errichtet wurde, kam mit seiner nördlichen Giebelwand auf dem meterdicken Fundament der Zwinger­mauer vor dem ehemaligen Fürstenbau zu stehen, während sich der Rest über dem zugeschütteten Schloss­graben erhebt. Die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit führte bereits kurz nach Fertigstellung zu Bauschä­den. Ein Setzungsriss bei der nördlichen Fensterachse sowie das „Durchhängen“ von Sockel und Gesims an der Fassade zeichnen auch heute noch die besonderen Verhältnisse im Untergrund nach.

Das Gebäude entspricht in seiner Einteilung dem Typus des städtischen „Torfahrtshauses“, wie er im bürger­lichen Wohnhausbau des frühen 19. Jahrhunderts in Baden verbreitet war und sich heute beispielsweise noch an den Häusern der Karlsruher Stephanienstraße ablesen lässt. Charakteristisch sind die von der damaligen Bauordnung vorgeschriebene geschlossene Bauweise sowie der L-förmige Grundriss mit dem Hauptbau parallel zur Straße und einem rückwärtigen Seitenflügel. In der Hauptwohnung im Obergeschoss sind die re­präsentativen Zimmer wie in einem Schloss in einer „Enfilade“, einer Raumflucht, entlang der Straßen­fassade aneinandergereiht. Durch eine breite Durchfahrt konnte man mit Wagen in den Hof einfahren.

Bauherr war der Durlacher Maurermeister Adam Rentz, der das Haus zunächst auch selbst bewohnte. Er scheint vermögend gewesen zu sein, denn es gehörten ihm damals überdies die Grundstücke Karlsburgstraße 13 und 14. Als Bauhandwerker dürfte er entsprechend dem damaligen Berufsbild die Pläne für sein Anwesen selbst gezeichnet haben. Er orientierte sich dabei, was die Verwendung von Typus und Stil angeht, an Bau­ten der Schüler Friedrich Weinbrenners, die am Klassizismus ihres Lehrers festhielten und sich in der Zeit um 1840 nur allmählich neueren Tendenzen wie dem Rundbogenstil in der Art Heinrich Hübschs öffneten. Die Gestaltung der Straßen- und Hoffassade, aber auch Baudetails im Innern dokumentieren die für die Erbauungszeit im sogenannten „Vormärz“ typische stilistische Prägung. Einerseits werden die aus dem Klassizismus bekannten Materialien und Proportionen noch weitgehend beibehalten, andererseits sind die Detailformen bereits reicher und kleinteiliger. Vor allem die ausschließliche Verwendung von Rundbogen­fenstern belegt die spätere Entstehungszeit gegenüber den etwas älteren Nachbargebäuden in der nördlich anschließenden Straßenzeile.

Wie wir aus den Lebenserinnerungen der Henriette Obermüller wissen, die damals mit ihrem Mann das Obergeschoss des Nachbarhauses Nr. 6 bewohnte, kam es während der Badischen Revolution 1848/49 in der Karlsburgstraße zu Ausschreitungen. Die Wohnung des konservativen und fürstentreuen Rentz in unserem Haus scheint geplündert worden zu sein, wozu Henriette Obermüller – so warf man ihr nach Nieder­schlagung der Revolution vor – aufgerufen haben soll. Aber auch ihre eigene Wohnung und der Weinkeller wurden von Eindringlingen verwüstet, während sie und ihr Mann gegenüber an der Marstallstraße im Ge­fängnis einsaßen.

1863 erwarb der Großherzogliche Oberstleutnant der Artillerie Josef Koch das Haus, der seinen Dienst wahrscheinlich gleich gegenüber in der Karlsburg tat, die seit 1830 als Kaserne diente. Kochs Witwe verkaufte das Anwesen mit kleinem Garten 1877 schließlich an den aus dem badischen Oberland nach Durlach gekommenen Notar und Gerichtsvollzieher Wilhelm Plesch, der es zusammen mit seiner Familie bewohnte und dann an seinen Sohn Heinrich vererbte, der Militär-Zahlmeister im kaiserlichen Heer war. Zeitweise tat er auch Dienst in deutschen Kolonien, 1903 meldete er sich freiwillig für die internationale Strafexpedition zur Niederschlagung des Boxeraufstands in China. Neben den Mitgliedern der Familie Plesch und deren Dienstpersonal wohnten immer auch Mieter im Haus, so etwa jahrzehntelang ein Schuh­macher. Nach 1933 war in zwei Räumen des Erdgeschosses eine Geschäftsstelle der NS-Volkswohlfahrt untergebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier der Frisiersalon Kränkel eröffnet, dessen Aus­stattung heute in der Dauerausstellung des Pfinzgaumuseums zu besichtigen ist.

Familiäre Umstände – das Anwesen blieb bis 1991 im Eigentum der Erbengemeinschaft Plesch – verhinder­ten in den letzten Jahrzehnten glücklicherweise größere Eingriffe in die ursprüngliche Bausubstanz des Hauses, das zudem den Zweiten Weltkrieg ohne gravierende Schäden überstand. Wie selten bei vergleich­baren Objekten hat sich deshalb in diesem Fall nicht nur die Fassade, sondern auch die innere Struktur und viele Details wie die originalen Fenster, Holzböden und Stuckprofile eines Wohnhauses des Spätklassi­zismus erhalten. Im Hof sind noch die Reste des ehemaligen Schachtbrunnens, der Abortgrube und vor allem die Futtertröge des früheren Pferdestalls zu sehen, die an die heute kaum mehr vorstellbare bescheidene städtische Infrastruktur Mitte des 19. Jahrhunderts ohne Hauswasserleitung und ohne Kanalisation erinnern, aber auch an die Bedeutung von Pferden für die Mobilität der damaligen Menschen.

Die 1992–98 in Abschnitten durchgeführte Gesamtsanierung und die 2009 erfolgte Dacherneuerung ver­suchten, denkmalpflegerischen Belangen im Äußeren wie im Inneren gerecht zu werden. Die beiden Woh­nungen wurden zwar – etwa im Hinblick auf Heizung und Sanitäreinrichtungen – neuesten Standards angepasst, die ursprüngliche Bausubstanz in Raumteilung, Materialien und Oberflächen dabei jedoch weitestgehend geschont. So wurden nicht zuletzt die originalen Eichenfenster von 1840 sowie die historischen Fußböden, Türen und Beschläge erhalten und sachgerecht repariert. Die kleinen Dachgauben zur Straßenseite wurden entsprechend des ursprünglichen Bestandes 2009 wieder hergestellt. Neu hinzu­gekommene Elemente tragen deutlich den Ausdruck unserer Zeit, ohne dabei gestalterisch dem Bestand Konkurrenz zu machen. Alt und Neu ergänzen sich und tragen zu einem unverwechselbaren Charakter bei, der das Wohnen in diesem Haus zu einem besonderen Erlebnis macht.

Text: Dr. Gerhard Kabierske

Denkmal nach § 2 (Kulturdenkmal) Denkmalschutzgesetz

Baujahr 1840
 


Bild: PBe, 2013