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Datenbank der Kulturdenkmale

Ehemaliges Stephanienbad

Breite Str. 49a (Flst. 9321/2), Beiertheim-Bulach

Ausweisungstext der amtlichen Denkmalliste

Stephanienbad, heute Paul-Gerhard-Kirche, dreigeschossig, klassizistisch, von Friedrich Weinbrenner 1809-11 erbaut, 1926 von der Evangelischen Kirchengemeinde Beiertheim zum Gottesdienst und Pfarrhaus umgestaltet, 1944 Kriegsschäden, 1957 Umbau, ABL (unter Nr. 47b)


Ergänzende Informationen des Stadtarchivs

Johann Peter Hebel verbreitet 1812 den guten Ruf des Stephanienbads am Anfang des 19. Jahrhunderts: “Viele Leute logiren draußen, die das Bad mit gutem Erfolg curmäßig brauchen (…) Alle Sonntag ist draußen große Tafel, woran ich viel Vergnügen finde. (...) Hofkavaliere und gemeine Leute, wer das Geld dazu in der Tasche hat, Männer, Weiber und Kinder sitzen untereinander. Biß man abgespeist hat sind die Gallerien und der Tanzsaal angefüllt.” Das Stephanienbad wurde nach Plänen von Friedrich Weinbrenner 1809/11 errichtet. Es sollte als Tanz- und Speiselokal am Rande der Stadt dem “geselligen Beisammensein der Karlsruher Bürger” dienen. Das klassizistische Konzept ist deutlich erkennbar in den zwei großen dorischen Säulen, dem angedeuteten Dreiecksgiebel und den halbkreisförmigen Lünettenfenstern. Über die Freitreppe und eine Art Altan betrat man durch eine Vorhalle den geschmackvoll dekorierten Tanzsaal, dessen Decke bemalt war. Im Obergeschoss befand sich eine Galerie mit etlichen Zimmern, wo sich das Publikum in kleineren Gesellschaften Freuden “und jeder Gattung anständigen Vergnügens widmen” konnte (Theodor Hartleben). Der (heutige) “Rittersaal” über dem Foyer war ein kleinerer Tanz- und Speisesaal, wo es im Sommer sonntags eine “Gesellschaftstafel” mit Aussicht in den großen Saal gab.

Großherzogin Stephanie Beauharnais, Adoptivtocher Napoleons, Gemahlin von Großherzog Karl, bewilligte dem Besitzer und Wirt Andreas Marbe, den Namen. Von Juli 1810 an verkehrte fünfmal täglich vom Ettlinger Tor aus ein Gesellschaftswagen. Gebadet wurde außerhalb, am Albufer befanden sich Badekabinette. Das Albwasser galt als heilsam, der Effekt wurde durch künstliche Anreicherung mit Mineralien gesteigert. Ein englischer Garten mit der größten kanadischen Pappel Europas umgab das Gebäude. Mit der Zeit ging die Bedeutung des Bades zurück. 1827 musste Marbe das Haus verkaufen, nur die Badeanstalt bewirtschaftete er noch bis zum Tode 1832. Danach wurde das Haus mehrfach veräußert.

Durch Karl Knust erworben, wurde das Gesellschaftshaus 1880/81 wieder Wirtschaft, beherbergte u. a. eine große Wäscherei, schließlich wurde es erweitert um das erste Karlsruher Licht-, Luft- und Sonnenbad, eine Attraktion der Residenzstadt, aber ein Dorn im Auge der “besseren” Gesellschaft. Das Aufblühen dauerte nicht lange: Der Neubau des Hauptbahnhofes hatte wegen der Gleisanlagen eine Verlegung des Bettes der Alb zur Folge. Ab 1905 war damit der Badebetrieb unmöglich. Hinter dem Bahndamm versteckt fristete das Stephanienbad ein kümmerliches Dasein. Nach dem 1. Weltkrieg ging es in den Besitz der Stadt Karlsruhe über.

Der erste evangelische Gottesdienst wurde am 15.1.1899 in einem Nebensaal der Restauration “Zum Stephanienbad” gefeiert. Ab 1926 wurde das Gebäude von der Stadt gepachtet und zum Gemeindehaus der damaligen Melanchthonpfarrei. In den dreißiger Jahren war das Mietverhältnis mit der Stadt unsicher: Hitlerjugend und andere NS-Formationen versuchten, Räume für ihre Zwecke zu bekommen. 1942 wurde der Schmiederplatz gegen das Gebäude getauscht, wodurch es in den Besitz der Kirche überging. Im Krieg schwer beschädigt, wurde es in den Jahren 1950-56 wiederhergestellt und auch als Kindergarten und Pfarrwohnung genutzt. 1957 wurde die Paul-Gerhardt-Gemeinde als eigenständige Gemeinde errichtet.

Ab Mitte der 1990er Jahre wurde saniert. Das Motto des Architekturbüros Ruser + Partner lautete: “Neue Offenheit”. Zwei wesentliche Eingriffe wurden durchgeführt: Eine notwendige Rückbesinnung auf die von Weinbrenner ausgeführte Gebäudestruktur und eine Neuordnung des Erschließungskonzeptes, um eine bessere Orientierung innerhalb des Gebäudes zu gewährleisten. Die Zwischenwände wurden herausgenommen und durch Pfeiler ersetzt. Der hölzerne Dachstuhl wurde freigelegt, so dass ein erstaunlich leichter Raumabschluss entstand, gleichsam ein basilikaler Raum mit einem hohen Mittelschiff, an dessen Ostseite große Glasfenster mit einer darüberliegenden halbkreisförmigen Lünette den Raum erhellen. Die niedrigen “Seitenschiffe” werden durch sechs Fenster mit tiefen Laibungen ebenfalls angenehm belichtet. Das Gebäude bietet ein schönes Konzept von Kirche: im Zentrum der Gottesdienstraum, um den sich die Räume für verschiedenste Veranstaltungen und Kreise gruppieren.

Text: Pfarrer Hansfrieder Zumkehr

Denkmal nach § 28 Übergangsregelung Denkmalschutzgesetz

 

Stephanienbad
Bild: Onuk, 2005

 

F. Reich, Stephanienbad in Beiertheim